Holzbau für alle?!

Das sagen die einen. Andere hingegen verweisen auf Schwierigkeiten und Gefahren. Ein Plädoyer.

Hamburg. Wir sollen in Holz bauen, wir dürfen in Holz bauen und wir können in Holz bauen. Das könnte die Zusammenfassung dessen sein, was in den vergangenen Jahren zum Thema Holzbau politisch und technisch der Fachöffentlichkeit zu entnehmen war.

WIR SOLLEN:

Gesellschaft und Politik fordern mehr Einsatz des nachwachsenden Baustoffs. Das Bundesministerium für Landwirtschaft mahnt in ihrer Charta Holz 2.0 seine vermehrte Nutzung an, „weil fossile und endliche Rohstoffe durch die Holzverwendung geschont und ersetzt werden.“ Der Hamburger Koalitionsvertrag spricht gar von einer Holzbaustrategie, die umgesetzt werden soll.

WIR DÜRFEN:

Seit 2018 erlaubt die Hamburger Landesbauordnung das Bauen in Holz auch in der Gebäudeklasse 5. Seither sind zahlreiche Bundesländer gefolgt. Auch die Musterbauordnung wird in Kürze entsprechend umformuliert. Die zugehörigen technischen Baubestimmungen wie Holzbaurichtline, Brandschutznorm und Eurocode 5 befinden sich allesamt in Überarbeitung und stehen kurz vor der Veröffentlichung. In Hamburg kann in der Übergangszeit der Bauprüfdienst Massivholz angewendet werden.

WIR KÖNNEN:

Schon die IBA Hamburg 2013 zeigte mit ihren zahlreichen mehrgeschossigen Holzbauten, dass die Frage, wie wir in Zukunft bauen und wohnen wollen, von zahlreichen Akteuren in Holz beantwortet wurde. Mittlerweile gibt es überall in Deutschland den mehrgeschossigen Wohnungsbau in unterschiedlichen Holz- oder Hybridbauweisen. In der Hafen-City haben unter anderem die Arbeiten für ein circa 65 Meter hohes Holzhochhaus mit mehr als 180 Wohneinheiten begonnen.

ABER WOLLEN WIR AUCH IN HOLZ BAUEN?

An dieser Frage scheiden sich die Interessengruppen. Während sich einige Entwickler und Baufirmen immer aufgeschlossener dem Thema gegenüber zeigen und aktiv beginnen, in Holz zu bauen, bleiben Bestandshalter meist zurückhaltend. Vorbehalte gibt es vor allem dort, wo Holz in Berührung mit Wasser kommen kann und Schäden durch Schimmel und Entfestigung drohen.
Die ausgelaufene Waschmaschine ist dabei nicht das Hauptproblem, denn dieser Umstand lässt sich zeitnah feststellen und gezielt sanieren. Gefürchtet sind kleine Leckagen, die langfristig unentdeckt bleiben – eine Tröpfcheninfektion mit Folgen! Betroffen sein können Flachdächer, Sockelbereiche, Nasszellen und wasserführende Leitungen.
Vielleicht teilen nicht alle Bestandshalter auch alle Vorbehalte: Der eine hat gute Erfahrungen mit der Zuverlässigkeit seines Abdichtungstechnikers, der andere würde seinem Haustechniker auch eine Bypass-Operation zutrauen. Aber meist bleiben Zweifel. Ein Dilemma angesichts der Forderung nach mehr Holzbau.

DREI WEGE ZUM HOLZBAU ALS BEISPIELE:

  1. Ein einfacher Einstieg in den Holzbau bietet die vorgefertigte Holztafelbauweise als nicht-tragende Außenwandkonstruktion. Also: Innen werden Decken und Wände konventionell gebaut und nur die Haut drumherum ist Gegenstand des Holzveränderten Gebäudekonzepts. Es gibt sehr erfahrene, in Deutschland ansässige Betriebe, die mit einem sehr hohen Vorfertigungsgrad tätig werden können und dem Auftraggeber viel Zeit auf der Baustelle sparen und eine durch die Vorfertigung bedingte hohe Qualität liefern können. Die Holztafelbauweise ist etabliert und kennt robuste Details.
  2. Schadensanalysen können zeigen, wo es im Holzbau wehtun kann. Ein ganzheitliches Gebäudekonzept, angefangen von der Kubatur, den Grundrissen bis hin zur Detaillierung der Nasszellen und wasserführenden Leitungen, kann zum Beispiel Bereiche ausweisen, die zusammen mit dem Treppenhauskern konventionell errichtet werden. Mitunter ergeben sich so auch vorteilhafte Situationen für das ein oder andere Brandschutz- oder Schallschutzthema. Das Gebäudekonzept auf der Basis von Schadensanalysen bringt vielleicht nicht maximal viel Holz in das Gebäude, aber ganz bestimmt schon einen beachtlichen Anteil.
  3. Wer viel Holz ins Gebäude bringen möchte, sollte sich unbedingt mit einer holzbaugerechten Architektur auseinandersetzten. Viele Risiken können sich schon durch einen cleveren Entwurf minimieren lassen. Wem das nicht reicht, der kann schon heute Feuchtigkeitsdetektionselemente in Form von Folien oder Klebestreifen an kritischen Stellen einsetzen. Insbesondere hier sind in den kommenden Jahren weitere Fortschritte und robuste Lösungen zu erwarten.
    Die Voraussetzung für die drei beispielhaft aufgezeigten Wege ist die Verpflichtung erfahrener Planer. Der mehrgeschossige Holzbau ist ein noch junges Betätigungsfeld. Nicht jedes Planungsbüro hat eine entsprechende Expertise. Die akademische Ausbildung nimmt das Thema „urbaner Holzbau“ zwar immer mehr auf, allerdings wird es noch lange dauern, bis die Holzbaukompetenz in der Fläche vorhanden ist. Wer seine Haus- und Hofplaner mit einem Holzbau beauftragen möchte, sollte auch ihn Schritt für Schritt an das Thema heranführen.

WOVOR HABEN WIR ANGST?

Jedes Material hat seine Vor- und Nachteile. Es steckt viel Psychologie dahinter, vor dem Einsatz des einen Materials Angst zu haben und dem des anderen willfährig zuzugestehen, dass seine Schwäche nun mal zu ertragen seien.
Planen und Bauen hat viel mit Vertrauen in Erfahrung und Routine zu tun. Es geht nicht nur um die Zuverlässigkeit des Baumaterials, sondern in der Regel um den Umgang damit. So gesehen, scheint das Wiederholen des immergleichen Bausystems sinnvoll. Aber ist das in unserer Zeit wirklich eine Haltung, die langfristig funktionieren kann? Sicher nicht. Langfristig sind Veränderungen unumgänglich. Der Holzbau wird ganz sicher eine wichtige Rolle im urbanen Bauen der Zukunft spielen.
Eine erfolgreiche Eingliederung des Holzbaus in bewährte Gebäudekonzepte braucht keine Hektik, sondern eine besonnene Entwicklung. Nehmen wir dem Thema doch mal die Dramatik und die anstrengenden Satzzeichen: Holzbau für alle.

DIE EINLADUNG IST AUSGESPROCHEN.

Kontakt

Henning Klattenhoff

Leiter Holzbauplanung

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